Tenebrias

~ Ein Spiegel für den Winter meiner Seele ~

Weblog-Archiv für 19. Februar 2008

RP-Biographie, Teil II: Von Chat zu UO

Verfasst von Tenebrias am 19.02.2008 - 13:44

Zum ersten Teil.

Mein Account auf Schattenwelt wurde am 05.06.2000 freigeschaltet, am 18.07.2000 schrieb ich meinen gespielten Charakter erst einmal aus dem Spielgeschehen heraus.

Was war in diesen sieben Wochen passiert? Bis Anfang Juli sehr wenig – ich erkundete die Gegebenheiten dieser Onlinewelt und der nicht zu ignorierenden Spielengine, die ganz andere Grenzen setzte, als ich sie aus dem Chat heraus kannte. Während dieser ersten Zeit spielte ich Ultima Online wie ein stinknormales Computerspiel, das heisst ich tötete Monster und verbesserte meine Ausrüstung. Es gab so gut wie keinen Kontakt mit Spielern, entsprechend auch niemanden, der mich auf meine gröbsten Fehler hätte hinweisen können.

Anfang Juli stellte ich fest, dass mein zuerst erstellter Char völliger Mist war und bastelte einen neuen mit – vermeintlich – optimierten Werten und Zauberfähigkeit: Eine Paladiness.

Und plötzlich platzte der Knoten, wo ich vorher einsam herumgelaufen war, traf ich nun Spielerchars in Mengen und rutschte in eine laufende Quest hinein.
Dabei fielen mir zwei Dinge auf:

Zum Einen waren die Ambiente beschreibenden Emotes entweder sehr kurz oder gar nicht vorhanden, zum Anderen zeigte sich eine Hörigkeit gegenüber den Vorgaben der Spielmechanik.
Das Erste ist sehr leicht zu erklären: Wenn man ein Pixelmännchen steuern kann, dass vier Schritte macht, um sich dann auf einem Stuhl niederzulassen, ist es nicht nötig diese offensichtliche Handlung auch noch zu beschreiben. Dennoch kam es gelegentlich vor, dann meist im Stil von *setzt sich hin*.
Das Zweite war für mich schwerer zu verstehen und machte mir erstmals klar, dass Enginebindung und Rollenspiel nicht vollständig vereint werden können. Im Rollenspiel gibt es keinen Grund, warum ein halbwegs sportlicher Charakter nicht einfach über einen halbmeterhohen Zaun springen können sollte – die Spielengine beharrt aber unbestechlich darauf, dass es nicht möglich ist.
Es gibt zwei Möglichkeiten damit umzugehen: Entweder ignoriert man die Engine und emotet sich seine eigene Realität daher, oder man läßt den Char handeln, als wäre er wirklich ohne besonderen Grund nicht fähig über dieses Zäunchen zu hüpfen.

Für den normalen UO-Spieler war Variante 2 das Normale: Die Engine gab eine Grenze vor und dieser Grenze gehorchte man ohne weitere Fragen zu stellen. Es kam nicht darauf an, dass man einem Anderen vertrauen mußte – die Spielmechanik war unbestechlich. Meine durch den DSA-Chat gewachsene Weltsicht fußte auf dem genauen Gegenteil, darauf auch ungewöhnliches Verhalten zu akzeptieren, sofern der Gegenüber sich als würdig erwies.

Das hätten Gründe für einen Ausstieg sein können, aber gleichzeitig besaß Ultima Online etwas, was dem Chat völlig abging: Ein dynamisches Element. Die Möglichkeit Sprache, Emotes und Engineeinsatz zu kombinieren erlaubte echte Konflikte eben genau durch den unbestechlichen Schiedsrichter der Spielmechanik im Hintergrund.

Ich besitze keine Logfiles aus dieser Zeit (damals wußte ich nicht einmal, dass es die Möglichkeit dafür gab), nur ein kleines Fragment, das in einem Forum bis heute überlebte und mir zeigt, dass mein sorgsam gehegter und gepflegter Spielstil ziemlich einbrach. Ultima Online war schlichtweg viel schneller als der Chat, allein um hier mithalten zu können, wurden die Emotes also knapper und kürzer.

Nichtsdestotrotz fand ich Gefallen daran, aalte mich in der Anerkennung, mit der keinerlei Verantwortung einherging.

Und dann zog mir die Uni den Stecker heraus. Von einem Tag auf den Anderen wurden so gut wie alle Ports bis auf simples http gesperrt – einige Leute im Wohnheim hatten es wohl massiv mit dem Traffic übertrieben. Niemand ließ mit sich reden eine Freischaltung für ein Onlinespiel vorzunehmen und damit hatte das Thema sich ersteinmal abrupt erledigt.

Etwa zwei Monate später war ich auf ein Modem (ja.. sowas gab es damals noch) umgestiegen und kehrte auf diese Weise zum Spiel zurück. Auch wenn ich noch einige Male im DSA-Chat spielte, waren die Würfel zu dem Zeitpunkt aber schon gefallen, vor allem auch, da fast alle Spieler, mit denen ich im Chat viel zu tun hatte, ebenfalls nach Schattenwelt ausgewandert waren.

Anfang 2001 erstellte ich meinen ältestens bis heute überlebenden Charakter, am Ende dieses Jahres verstarb die Paladiness und machte zu Beginn 2002 einer ebenfalls heute noch existierenden Vampirin Platz. Mitte 2004 bewarb ich mich als Gamemaster für Questdurchführung und wurde angenommen, mit einer Unterbrechung von einem halben Jahr blieb ich dabei bis fast Ende 2007.

So rasch lassen sich sieben Jahre erschlagen, in denen ich insgesamt knapp 8500 Onlinestunden verbrachte – im Schnitt also etwa 3 Stunden pro Tag – nicht eingerechnet die Zeit die ich für Lesen und Schreiben in den Foren verbrachte. Kaum verwunderlich, dass das keine Zeit für irgendwelche anderen Hobbies ließ und ich will behaupten, dass ich einer von zehn Leuten bin, die diese Welt und ihren Hintergrund am Besten kennen.

Auch wenn meine Ansichten über viele Dinge sich in dieser Zeit änderten, teilweise sogar in ihr Gegenteil verkehrten, kann ich feststellen, dass sich an meinem Spielstil faktisch nichts geändert hat. Von gewissen kosmetischen Kleinigkeiten abgesehen, klingt es heute genauso, wie zu meinen Endzeiten im Chat. An dem Punkt gab es keine Veränderung mehr, vielleicht einfach, weil die für mich erreichbare Spitze zwischen Ausführlichkeit und Dynamik damit schon erreicht war.

Ein weiterer Punkt verdeutlicht einen Zusammenhang zwischen Chat und Ultima Online: So wie ich damals im Chat am Hintergrund gearbeitet habe, geschah das auch auf Schattenwelt. All die Dinge, die durch die Engine ohnehin nicht dargestellt werden können, erweckten mein Interesse und den Wunsch ihre undefinierte Halbexistenz in geordnete Bahnen zu rücken. Ordnung aus dem Chaos.

Wofür war dieses selbstreferenzielle Gelaber nun gut?

Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Aber ich werd es mal als Aufhänger nehmen, um ein paar weitere Gedanken über Spielmechanismen zu formulieren.

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